Moskau bereitet sich vor: neuer krieg jenseits der ukraine?
Berlin – Steht Russland kurz vor einem weiteren militärischen Vorstoß, der weit über den Ukraine-Krieg hinausgeht? Generalleutnant a.D. Jürgen-Joachim von Sandrart warnt eindringlich davor, dass Moskau die Gunst der Stunde nutzen könnte, um seine militärischen Ambitionen im Ostseeraum und darüber hinaus auszuleben. Seine Einschätzung, die er im Gespräch mit WELT teilte, wirft ein düsteres Licht auf die aktuelle geopolitische Lage.
Die frage ist nicht, ob, sondern wann
Von Sandrart, der bis März 2025 bei der Bundeswehr aktiv war und zuvor das Multinationales Korps Nord-Ost in Stettin kommandierte, stellt die Frage nicht, ob Russland dazu in der Lage sei, sondern ob die Bedingungen für einen solchen Schritt günstig wären. „Russland ist jederzeit in der Lage, parallel einen weiteren, begrenzten Waffengang zu suchen“, betont er. Dabei beobachtete man in Stettin, wo die Verteidigungsplanung der NATO für den Nordosten des Bündnisses koordiniert wird, bereits während des Ukraine-Krieges eine deutliche Neuausrichtung der russischen Armee.
Was viele Beobachter übersehen, ist die stille Vorbereitung Russlands auf einen Konflikt jenseits der Ukraine. „Wir sind nicht mehr im Frieden“, stellt von Sandrart fest. Es gehe um die Vorbereitung des potenziellen Schlachtfeldes unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges. Die russische Armee rüstet nicht offen auf, sondern schleichend, indem sie die Produktion steigert, Strukturen reorganisiert und sich in den westlichen Militärbezirken neu aufstellt – von Finnland bis Polen.

Ein krieg, der sich verändert
Ein Angriff auf die NATO hätte, so von Sandrart, eine ganz andere Dimension als der Krieg gegen die Ukraine. Dieser Unterschied hält Russland derzeit noch zurück, aber die Neuausrichtung der Armee lässt wenig Zweifel daran, dass Moskau seine militärischen Möglichkeiten ausbaut und auf eine günstige Gelegenheit wartet. Die Annahme, dass Moskau erst nach einem Ende des Ukraine-Krieges neue Schritte unternehmen wird, erweist sich demnach als Fehleinschätzung.
Die westliche Unterstützung für die Ukraine, so die düstere These von Sandrart, verhindert zwar, dass die Ukraine einen klaren Sieg erringen kann, stellt aber gleichzeitig sicher, dass sie nicht verliert. Dieser Zustand, so der ehemalige Generalleutnant, darf Russland jedoch nicht den Eindruck vermitteln, dass Krieg als Mittel zur Erreichung politischer Ziele sich lohnt. Denn die russische Armee bereitet sich bereits darauf vor, jenseits der Ukraine aktiv zu werden, insbesondere im Ostseeraum.
Die Rekonstitution der russischen Armee als lernende Organisation schreitet rasant voran. Mehr Produktion als für den Ukraine-Krieg benötigt, strukturelle und prozedurale Reorganisation – die Zeichen stehen auf eine neue Phase der militärischen Aggression. Der Kreml-Chef Wladimir Putin setzt dabei auf Schleichende, nicht offenkundige Aufrüstung.
Die Lage ist ernst. Das beobachtete Verhalten der russischen Armee während des Ukraine-Krieges deutet auf eine Vorbereitung hin, die weit über die aktuelle Eskalation hinausgeht. Die Stabilität Europas hängt davon ab, ob diese Entwicklung rechtzeitig erkannt und entgegengewirkt wird.