Krankenkassen-überschuss: warum beitragserhöhungen trotzdem drohen

Millionen gesetzlich Versicherte fragen sich: Wie kann es sein, dass die Krankenkassen einen Überschuss melden, die Beiträge aber steigen? Während die Kassen3,5 Milliarden Euro Gewinn verbuchen, spüren viele Bürger nichts davon. BILD und der Kassenexperte Dieter Homburg beleuchten die Problematik.

Überschuss allein bedeutet keine entlastung

Das Bundesgesundheitsministerium bestätigte, dass die 93 gesetzlichen Krankenkassen im Jahr 2025 ein Plus von rund 3,5 Milliarden Euro erzielten. Doch diese Milliarden sind kein finanzielles Polster, sondern Teil eines Systems, das unter Druck steht. Die Kassen kalkulieren langfristig, und die Kosten steigen seit Jahren schneller als die Einnahmen.

„Ein Überschuss bedeutet also nicht automatisch, dass das System finanziell entspannt ist“, erklärt Dieter Homburg im Gespräch mit BILD. Er ist Masterconsultant für Finanzen und gründete bereits mit 21 sein erstes Beratungsunternehmen. Seine Expertise ist gefragt, denn das Gesundheitssystem steht vor großen Herausforderungen.

Die wurzel des problems: fehlanreize und fehlende koordination

Homburg betont, dass die hohen Kosten vor allem auf die hohe Anzahl an Arztbesuchen in Deutschland zurückzuführen sind. Patienten gehen im Schnitt neun bis zehn Mal pro Jahr zum Arzt, obwohl Hausärzte oft nur 20 bis 30 Euro pro Quartal für einen gesetzlich Versicherten erhalten – unabhängig von der Anzahl der Besuche. „Das System bezahlt den Kontakt, nicht die Lösung“, kritisiert der Experte. Ursache sind Fehlanreize in der Vergütung, die zu unnötigen Terminen und Untersuchungen führen. Zudem mangelt es an Koordination, sodass Untersuchungen oft doppelt durchgeführt werden.

Die Verbraucherzentrale unterstreicht, dass nicht die Patienten das Problem sind, sondern die Strukturen im Gesundheitssystem. Thomas Moormann, Gesundheitsexperte der Verbraucherzentrale, fordert zielgenauere Versorgung und mehr Bedarfsgerechtigkeit.

Ein weiteres Problem ist die mangelnde Prävention, obwohl diese langfristig Kosten senken könnte. Der demografische Wandel, teurere Behandlungen und steigende Personalkosten verschärfen die finanzielle Lage zusätzlich. Die über 90 gesetzlichen Krankenkassen selbst tragen durch eigene Verwaltungen und IT-Strukturen zu den Kosten bei. „Wir haben kein Geldproblem, sondern ein Strukturproblem“, so Homburg. Die Prognose ist düster: Für Versicherte dürften die Beiträge auch in Zukunft eher teurer als günstiger werden.

Homburg sieht zudem die mangelnde Koordination als ein weiteres Problem. Patienten wechseln häufig zwischen verschiedenen Ärzten, Untersuchungen werden doppelt durchgeführt. Prävention wird bisher wenig priorisiert, obwohl sie langfristig Kosten senken könnte.

Die Kassen selbst verursachen zusätzliche Kosten durch eigene Verwaltungen und IT-Strukturen. Die Kassenkompass App soll helfen, die gesetzliche Krankenversicherung zu optimieren und den günstigsten Anbieter zu finden.

Die Zahl der Arztbesuche ist ein wichtiger Faktor, aber nicht der einzige. Die hohe Anzahl an Chronisch Kranken mit hohem Behandlungsbedarf treibt die Kosten in die Höhe. Die Stationäre Behandlung ist mit 33 Prozent der teuerste Faktor, gefolgt von Medikamenten (18 Prozent) und der ambulanten Versorgung.

Die Kassen haben zwar einen Überschuss, doch dieser ist begrenzt. Die Finanzreserven liegen nur knapp über dem gesetzlich vorgeschriebenen Mindestniveau. Es ist ein System, das am Limit agiert – und die Rechnung wird letztendlich von den Versicherten bezahlt.